Viele Meinungen über ADHS
Die Diskussion über ADHS umfasst mittlerweile große Teile unseres Alltags: Erziehungsfallen und -fehler der Eltern werden gesucht und meistens angeblich auch sofort gefunden, falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Fernsehen und Computerspiele werden angeprangert, die Toleranz unserer Gesellschaft Kindern gegenüber wird hinterfragt, der Umgang unseres Bildungssystem mit „anders tickenden“ oder „quer denkenden“ Schülern gerät in die Kritik, die einen halten eine medikamentöse Behandlung für unumgänglich, die anderen fürchten die Gabe bzw. Einnahme von Wirkstoffen, dem dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, und suchen nach anderen Wegen.
Aus der Sicht der Betroffenen
In der Praxis geht aber das Leben der Betroffenen jeden Tag weiter, und sie können nicht darauf warten, bis diese Diskussionen zum Abschluss gekommen sind. Schon allein die Wartezeit auf einen ersten Termin bei einem niedergelassenen Psychiater oder Psychotherapeuten ist oft mehr, als AD(H)Sler und ihre Angehörigen ertragen können.
Familien
Bis die (richtige) Diagnose gestellt ist, die notwendigen Therapiemaßnahmen für das Kind verfügbar sind und greifen, haben die Eltern lange Zeit an vielen Fronten gleichzeitig gekämpft. Die Therapie des Kindes schließt in der Regel nur wenig Unterstützung und Entlastung für die Eltern mit ein, obwohl sie als die wichtigsten Bezugspersonen die Hauptlast des Alltags mit dem Kind und große Verantwortung für den Therapieerfolg tragen. Die gängigen Therapieverfahren haben vorrangig Verhaltensänderungen zum Ziel, arbeiten also gegen das ADHS und nicht mit ihm – ein wenig eleganter Ansatz. Es braucht definitiv neue Wege, wie bereits viele Kinder- und Jugendärzte erkannt haben.
Erwachsene
Erwachsene, die erst spät die Diagnose AD(H)S bekommen, überdenken und bewerten ihre gesamte Biografie vor diesem Hintergrund neu. Das ist ein äußerst anstrengender Prozess, der mit vielen Missverständnissen und meistens weiteren Problemen aufräumt, die auf dem gleichen Boden gewachsen sind.
Hier ist also viel zu tun. Ich trage in meiner Praxis – mit meist kurzen Wartezeiten und einem neuen Ansatz – meinen Teil dazu bei.